Text 2

Irgendwas mit Bildern

Die landläufige Vorstellung einer Künstlerklasse ist sicherlich die, dass es einen verschrobenen Professor gibt und um ihn herum lauter malende oder Steine klopfende Menschen. Die Fotografie wird dagegen oft schon nicht als Kunst wahrgenommen. Ich nehme das nicht übel. Denn wo die Malerei schon ewig als Kunst gilt, selbst wenn es keine ist, konnte sich die Fotografie diesen Ruf erst in den letzten Jahrzehnten Schritt für Schritt erkämpfen. Und überhaupt ist Malerei viel Arbeit, während man beim Fotografieren nur einen Knopf drücken muss.

Doch ein Kunststudium und somit das der Fotografie beinhaltet einiges an Theorie. Zum Beispiel zu den Grundlagen eben der Kunst allgemein in all seinen Facetten. Und dazu gibt es natürlich Vorlesungen.
Jedenfalls zieht diese Hochschule besonders viele Ostasiaten an, überwiegend aus dem Reich der Mitte und ein paar aus dem Reich Samsungs. Und mit diesen, heute sind es etwa 10 von 20 Personen, sitze ich nun in der Vorlesung. Ich weiß gerade beim Schreiben nicht den Titel der Vorlesungsreihe, aber es ist irgendwas mit Bildern.

Gerade jetzt erläutert der Dozent mit Nachdruck in der Stimme, dass demnächst doch bitte alle pünktlich erscheinen möchten. Ich habe darauf geachtet, die Asien-Fraktion war pünktlich. Und nun macht sie das, was alle Chinesen machen, wenn sie nicht anders beschäftigt sind: Sie beschäftigen sich mit dem Smartphone.

Kein Wunder, denn der Dozent spricht in einem sehr anspruchsvollen Deutsch mit sehr großem Wortschatz. Und dass, wo so viele Studenten aus den besagten Reichen im ersten Semester kein Wort Deutsch können. Und auch keine Kunst, denn die Kunsthochschulen in China lehren bestenfalls das Design von Luxusmöbeln. Ausstellungen moderner chinesischer Kunst sehen aus wie Ausstellungen moderner westlicher Kunst, aber eben mit Drachen und dekorativen Schriftzeichen.

Genau diese wunderschönen Schriftzeichen rollen gerade durch das Chat-Programm meiner Sitznachbarin. Und auch vor mir. Und da auch bei ihm da. Ihnen bleibt ansonsten der Genuss von zwei Bildern, jeweils aus Barock und Gotik, über satte 90 Minuten hinweg. Sicherlich findet man die Umrisse dieser Bilder dann noch auf der  Wand, wenn der Beamer längst abgeschaltet wurde. Und es ist auch das, was in den Köpfen der Chinesen und später auch in meinem bleiben wird: Irgendwas mit Bildern.

 

© Andreas Jell 2016