Das letzte nichtgemachte Foto von Hilla Becher

Normalerweise habe ich immer eine Kamera bei mir. Das schon jahrelang. Anfangs waren es noch die schweren Spiegelreflexkameras, später jedoch die praktischen Systemkameras. Deren Aufkommen hat das Fotografenleben buchstäblich erleichtert.

Den Versprechen des Smartphone-Knipsens bin ich dagegen noch nie erlegen. Mir ist das zu unflexibel, zu weitwinklig. Im Sommer hatte ich jedoch eine Phase, in der ich keine Kamera mehr bei mir hatte. Vielleicht liegt das genau an diesen Smartphones. Ist Ihnen aufgefallen, wie wenige richtige Kameras man noch auf den Straßen sieht? Selbst auf großen Messen kann man diese an zwei Händen abzählen, sofern man die der Journalisten abzieht.

So ist es denn auch bei einer Ausstellung von Thomas Demand auf der Raketenstation Neuss, wo ich vermeidlich unbeschwerter ohne Kamera unterwegs bin.

Es ist wunderschönes und spätsommerliches Wetter. Die Atmosphäre dieses Ortes ist an diesem Tag interessanter als die gezeigten Bilder. Und die Gäste auch. Unter anderem findet sich auch Hilla Becher ein. Ich bedaure, dass ich meinen Fotoapparat nicht mit habe. Und ich war ja auch gewarnt, denn kurz vorher spricht man mich darauf an, dass ich heute wohl ohne Kamera sei. Es ist mir fast peinlich und ich fühle den unangenehmen Rechtfertigungszwang.

Ich könnte natürlich zum Auto gehen, und die Kamera holen. Also, bis ins Auto hat es das Gerät schon noch geschafft. Sicher ist sicher. Aber ich konnte nicht, und ich weiß nicht warum. Jedenfalls habe ich das Foto von Hilla Becher nicht gemacht. Sie starb 10 Tage später, was mich sehr berührt hat. Gerne hätte ich als Erinnerung das vermutlich letzte Foto von ihr gemacht. Wobei ich ehrlich sein muss. In uns wohnt immer noch der Jäger und Sammler. Und wäre es nicht der entscheidende Moment im Sinne von Cartier-Bresson gewesen, so doch der letzte Moment.

Nun ist es das letzte nicht gemachte Foto von ihr geworden. Aber auch ein nicht gemachtes Foto kann ein verdammt gutes Foto sein.

 

© Andreas Jell 2015